Sonntagsgedanken - Taufe des Herrn

Sonntagsgedanken - Taufe des Herrn

Manchmal, wenn ich mit dem Auto an der Ampel stehe und die Menschen beobachte, die die Straße überqueren, gibt es Manche die fallen mir besonders auf. Vielleicht weil sie besonders glücklich oder besonders traurig wirken. Weil eine Situation mich berührt oder verstört. Ich mag auch gerne diese französischen Straßencafés, die die Stühle so ausgerichtet haben, dass man die Menschen auf der Straße beobachten kann. Je nachdem mit welcher inneren Einstellung, mit welchen Gefühlen im Herzen und Gedanken im Kopf ich selbst gerade ausgestattet bin, sehe ich auch die Menschen um mich herum. Es gibt Tage, da fühle ich mich eins mit mir und der Welt um mich herum da könnte ich alle umarmen, es gibt Tage da bin ich dünnhäutig und sehr sensibel und wünsche mir vielleicht eine Umarmung und es gibt die Tage, an denen ich am liebsten vom Rest der Welt gar nichts mitbekommen möchte. Gut ist, wenn diese unterschiedlichen Tage in einer gesunden Balance zueinanderstehen können.

 

Ein guter Tag im Leben Jesu war wohl der Tag seiner Taufe durch Johannes. „Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich meine Freude!“ so hört Jesus eine Stimme aus dem Himmel und er wird erfüllt von der Geistkraft Gottes, als er sich im Jordan taufen lässt. Der Evangelist Markus schreibt hier so, dass es mir als Leserin leicht fällt mir die Szene auszumalen: Von oben her schaut Gott zu, wie Jesus sich von Johannes taufen lässt. Sein Blick muss sehr liebevoll und freudig über das sein, was er das sieht. So ähnlich wie mein Blick auf meine Mitmenschen an einem sonnigen Tag, voll guter Laune, wenn ich mit mir und der Welt so richtig einverstanden bin.

 

„Taufe des Herrn“, so nennen wir in der Kirche diesen Sonntag und er beendet offiziell die Weihnachtszeit. Mit diesem Wochenende enden auch offiziell die Weihnachtsferien und ab Montag beginnt ganz offiziell ein weiterer, härterer Lockdown. Ich fühle mich überfordert von Corona und den Regelungen. Überfordert von den Meldungen zu Virusmutanten. Überfordert von den Bildern aus dem Kapitol in den USA. Nein, im Moment bin ich nicht einverstanden mit der Welt! ... und dementsprechend düster wird auch mein Blick. Meine Sehnsucht nach Straßencafés wo auch immer wird immer größer, ich möchte Menschen nicht mehr abzählen und auflisten, sie nicht mehr nur beobachten, sondern mit ihnen von Angesicht zu Angesicht reden und in den Arm nehmen.

 

Das heutige Fest „Taufe des Herrn“ passt tatsächlich ausgesprochen gut zu der Wegmarke, die dieses Wochenende für uns ist:   Nachdem Jesus die Stimme gehört und den Zuspruch verinnerlicht hat, geht er in die Wüste. Das war damals nichts Ungewöhnliches, es lag im Trend der Sinnsucher*innen der damaligen Zeit. Es ist so etwas wie ein selbstverordneter harter Lockdown. 40 Tage bleibt er da und fechtet viele innere Kämpfe aus. Er kann das, weil in seinem Inneren das Wort „Du bist mein geliebter Sohn“ lebendig und wirkmächtig geworden ist. Er kann das, weil er den liebevollen Blick Gottes auf sich spürt.

 

„Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter. An dir habe ich meine Freude.“ Vielleicht schreiben wir uns diese Worte an den Badezimmerspiegel und starten jeden Tag mit der Bewusstmachung, dass Gott liebevoll auf jede und jeden von uns schaut. Lassen wir dieses Wort in uns wirkmächtig werden. Wenn wir in dem einen oder anderen Moment in unserem Alltag, den liebevollen Blick Gottes auf uns spüren, dann kann es uns gelingen mit diesem liebevollen Blick unsere Mitmenschen anzuschauen. Das kann unsere Welt verändern, an der Ampel, im Supermarkt, aus dem Fenster heraus, in der Videokonferenz – und irgendwann auch wieder in Cafés und in einer Umarmung. 

 

Bild: Caroline Veronez, unsplash.com

Text: Judith Borg