Sonntagsgedanken 3. Fastensonntag

Sonntagsgedanken zum 3. Fastensonntag

Von der Freude an der Weisung

von Martin Weber


Viele gute Ratschläge werden in Kirche, Ratgeberbroschüren und Büchern für die Gestaltung der Fastenzeit erteilt. Zahlreiche Ideen sind da zu finden in den „sieben Wochen ohne“: Autofasten, Handyfasten, Internetfasten, Computerfasten, Plastikfasten, Klimafasten u. v. a. m.

So lobenswert diese Vorschläge auch sein mögen, eines kann uns wieder und wieder aufstoßen: immer dieses „ohne“ und wir können uns ruhig fragen, ob es nicht auch ein Fasten „mit“ gibt? Mit mehr Freude, mit mehr Staunen, mit anspruchsvoller Lektüre, mit Pflege von Beziehung, mit Zeit zum Nachdenken, mit Zeit für andere und für Gott?

Irgendwie riecht es bei uns in der Kirche immer ein wenig sauertöpfisch und die Lust und die Freude zu etwas kommen zu kurz.

 

 

 

Dies kann man auch gut bei der Einstellung zu den zehn Geboten beobachten. Die zehn Gebote erinnern die meisten an strenge Religionsstunden und düstere Beichtstühle. Bei den 10 Geboten hängt irgendwie dieser Befehlston „Du sollst, du musst, du darfst nicht!“ in den Köpfen. Von einer befreienden Botschaft ist da wenig zu spüren. Anders ist die Einstellung zu den 10 Geboten bei unseren älteren Glaubensgeschwistern im Judentum, die - man höre und staune - dort „Weisungen“ zum Leben genannt werden. So kennt das Judentum ein eigenes „Fest der Freude am Gesetz“, es heißt Simchat Tora - Freude der Tora. Und das ist eine fröhliche Feier für die ganze Gemeinde. Der Vorhang vor dem Toraschrein, in dem die Gesetzesrollen aufbewahrt werden, wird beiseite gezogen.

Der Rabbiner übergibt die in Brokatmänteln eingehüllten Rollen einigen Gläubigen, die sie dann sieben Mal durch die Synagoge tragen - und das mit tänzelnden Schritten. Die Kinder bekommen ebenfalls kleine Torarollen und begleiten die Prozession der Männer. Von den Emporen werden ihnen Früchte und Süßigkeiten zugeworfen. Mit Spaß, mit Lust und Freude wird das Gesetz Gottes von der Gemeinde begrüßt. Mit diesem „Fest der Freude am Gesetz“ drücken man aus: für uns sind die 10 Weisungen nicht sture Befehle oder gar Drohung, sondern Zusagen und Ermunterungen. Sie klingen nicht nach „du musst“ und „du darfst nicht“ - sondern eher wie eine Einladung: „du kannst“, oder „du wirst“.

 

 

In jüdischen Ohren klingen die Gebote so, wie es Pfarrer Wolfgang Raible aus Stuttgart sehr schön formuliert hat:

 

"Du wirst neben mir keine anderen Götter haben - weil du spürst, dass die vielen Götzen und falschen Götter deine Sehnsucht nach Sinn nicht stillen; dass Besitz, Ansehen und Macht nicht die höchsten Werte sein können. 

Du wirst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht missbrauchen - weil du weißt, dass die Namen, die du ihm gibst, nie sein Geheimnis ergründen; weil du ahnst, dass er sich nicht in Begriffe, Formeln und Dogmen einsperren lässt.

Du wirst den Sabbat heilig halten - weil du in deiner Hektik und Unrast Zeiten der Muße und der Ruhe brauchst; weil das feiern, Beten und Singen dich aufatmen lässt und dir Kraft gibt. 

Du wirst deinen Vater und deine Mutter ehren - weil sie dich auf deinem Weg ins Leben geführt und begleitet haben; weil du ihnen vieles verdankst; weil sie im Alter deine Fürsorge und Wertschätzung brauchen.

Du wirst nicht morden, weder mit giftigen Blicken, noch mit tödlichen Worten - weil dir bewusst ist, dass das Zusammenleben nur mit Toleranz, Respekt, Hilfsbereitschaft und Gelassenheit gelingen kann...“

 

Liebe Gemeindeglieder, vielleicht spüren wir: die zehn Gebote so verstanden, sind nicht Einschränkungen unserer Lebensmöglichkeiten, sondern Chancen für ein befreites Leben.  Amen.

 

Ihr Pastoralteam grüßt Sie alle von Herzen und wünscht einen frohen und

 

gesegneten Sonntag.

Bilder: Pixabay.de


Download
Ein Gottesdienst für Zuhause
Godi07.03.21.pdf
Adobe Acrobat Dokument 80.6 KB
Download
Die Sonntagsgedanken zum Ausdrucken
Sonntagsgedanken zum 3.FaSopdf.pdf
Adobe Acrobat Dokument 273.5 KB