Sonntagsgedanken - Familie

Sonntagsgedanken zum 10 Sonntag im Jahreskreis

Familie - mitunter ganz schön schräg

von Judith Borg


Einfach am Telefon anhören:

06406/ 8009075



©unsplash.com

Download
Die Sonntagsgedanken zum Ausdrucken
Familie - ganz schön kompliziert.pdf
Adobe Acrobat Dokument 171.1 KB



 „Er kommt in ein Haus, und wieder kommt das Volk zusammen, so dass sie nicht einmal ihr Brot essen können. Seine Angehörigen hörten davon und kamen, um ihn zu ergreifen, denn sie sagten: Er ist von Sinnen. Seine Mutter kommt und seine Brüder, und sie standen draußen und schickten jemanden zu ihm, um ihn zu rufen. Das Volk saß um ihn herum. Sie sagen zu ihm: Sieh, deine Mutter und deine Brüder sind draußen und suchen dich. Darauf sagt er zu ihnen: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er schaut sie an, die um ihn herum im Kreise sitzen, und sagt: Seht, meine Mutter und meine Brüder! Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“

Mk 3,20f.31-35

Übers: Hans Thüsing, aus: Das älteste Jesusbuch. Das Markusevangelium, 2011, Kath. Bibelwerk

 

Dieser letzte Abschnitt des heutigen Sonntagsevangeliums zeichnet ein spannungsreiches Verhältnis zwischen Jesus und seinen leiblichen Familienangehörigen.  Sie verstehen seinen Weg nicht. Hätten Jesus gern als   „normalen“ frommen Juden gehabt. Sie werden sogar handgreiflich gegenüber dem Spinner. Offenbar geht ihnen jenes wunderbare Wissen, dass es sich bei diesem Übergeschnappten um Gottes Sohn handelt, vollkommen ab. Maria oder andere Verwandte bekommen bei Jesus keine Privilegien. Vielmehr grenzt er sich immer wieder von seiner Familie ab, fühlt sich fremd und in keiner Weise anerkannt. Erst später – wohl nach Ostern – folgen Familienmitglieder Jesus nach (Maria und sein Bruder Jakobus auf jeden Fall).

Jesus bricht mit dem Idealbild der sogenannten „Heiligen Familie“. Familie überwindet die Grenzen von leiblicher Verwandtschaft. Dies hat zwei Seiten: Erstens gilt für die Bibel nicht das Modell der Vater–Mutter-2-Kinder-Familie und auch nicht das das stabile Gesetz der Einehe. Dies offenbart ein Blick in den Stammbaum Jesu, der am Beginn des Matthäusevangeliums steht und mehrere Namen nennt.

Da ist zum Beispiel die Geschichte Ruths: Hier lernen wir einen erstaunlich offenen Familienbegriff kennen. Die Israelitin Noomi suchte mit ihrer Familie das Glück in der Fremde. Nach dem Tod ihrer Söhne und ihrer Mannes will sie nach Israel zurückkehren. Ihre Schwiegertochter Ruth blieb bei ihr, die Bibel verwendet ein Verb, welches ein eheähnliches Verhältnis beschreibt. Sie kehrt mit ihrer Schwiegermutter zurück in die Heimat.  In Israel trifft Ruth auf Boas, einen entfernen Verwandten ihres verstorbenen Ehemanns. Am Ende der Geschichte heiraten sie, Rut wird schwanger und bekommt einen Sohn. Dieser wird als Sohn Noomis angesehen! Noomi wird im hebräischen Text als omenet bezeichnet. Dieses Wort meint eigentlich einen Pflegevater/Adoptivvater. Weder Rut noch Boas sind tot, aber das Kind gilt als Sohn Noomis. Offenbar will der Text verdeutlichen, dass Noomi eine Vaterrolle übernimmt.

An der Geschichte Ruts wird deutlich, wie kompliziert Familienbeziehungen bereits in der Bibel sein können: Der Sohn Noomis hat somit zwei Mütter und einen Vater oder eine Mutter sowie einen leiblichen Vater und eine Großmutter in der Rolle eines Vaters. Einfacher wird es wenn wir sagen: Familie ist, wo Menschen dauerhaft und generationenübergreifend füreinander einstehen und Verantwortung übernehmen.

Was erzählt die Bibel über Tamar? - eine weitere Frau, die neben Ruth in Jesu Stammbaum genannt wird. Tamars Ehemann stirbt, bevor sie Kinder bekommen hat, nach dem alttestamentlichen Gesetz gibt es die Möglichkeit der „Schwagerehe“, die ihr Schwiegervater auch angeordnet hat, aber ihr Schwager Onan verweigert die „Samenspende“. Gott bestraft das Verhalten Onans, indem er ihn sterben lässt. Daraufhin verweigert ihr Schwiegervater Tamar die Ehe mit einem weiteren seiner Söhne.  Am Ende der Geschichte raubt Tamar, mit einer List, den Samen ihres Schwiegervater. Somit ist der leibliche Vater der später geborenen Zwillinge zugleich ihr Großvater. Für das heutige Moralverständnis eine Unvorstellbarkeit. Dennoch gibt die Bibel ihr Recht. Patriarchat, in all seiner Pracht!

Und es geht noch weiter: Zwei der großen Helden, die im Stammbaum Jesu genannt werden Polygamisten waren: Abraham hatte neben Sarah noch eine zweite Frau namens Keturah sowie Hagar, die Magd, als Nebenfrau – und auch von König David wird berichtet, dass er mehrere Frauen hatte.

Die Bibel beschreibt in diesen Geschichten, die selbstverständlich auch Ausdruck ihrer Zeit sind, sehr deutlich wie komplex die Realität in Familien aussehen kann. Sie stehen nicht für gescheiterte oder defizitäre Familien, sondern sie stehen für die Lebenswirklichkeit, die sich in der Heilsgeschichte widerspiegelt. Und diese Wirklichkeit ist eben sehr viel breiter und bunter als das Ideal der klassischen Familienform, die die Kirche zur Norm erhoben hat. Gott sucht sich für seine Heilsgeschichte nicht einfach eine Familie aus, die ihm besser in den Kram passt – nein, er nimmt auch die vermeintlich verkorksten. Familie ist und war kompliziert.

Wie geht Jesus damit um? Ich finde befreiend: Er, der offenbar wusste, wie schwer man es mit seiner Familie manchmal haben kann, weitet den Familienbegriff: Familie im Sinne Jesu meint Geschwisterlichkeit statt patriarchaler Herrschaftsstrukturen, eine Gemeinschaft die aus dem Geist Gottes lebt. Er lädt uns ein Großfamilie zu sein: in den Häusern zusammenkommen und Leben und Glauben zu teilen. Wie schön! – und mitunter auch schräg, aber auf jeden Fall lebendig.

Mit den besten Wünschen, für Sie und Ihre Lieben, ob bluts- oder seelenverwandt!

Ihre / Eure, Judith Borg